Furio Jesi, Kultur von rechts oder Warum Rassismus nichts mit Antisemitismus zu tun hat

Das Moment aber, in dem der Antisemitismus sich explizit mit dem Vor- herrschen einer Religion des Todes verband, als 'Form der

Frömmigkeit',  die'innerlich' mit dem modernen Germanentum übereinstimmt, entsprach dem Überwiegen einer  besonderen Bedeutung dessen, was Th. Mann als den "heimlichen

Orientalismus Deutschlands"" bezeichnete. Die Flucht,

oder geradezu mystische Pilgerschaft in den Orient gab zu

mehr oder weniger oberflächlichen soziologischen Beurteilungen der Kultur der 60er Jahre Anlaß, als ein plötzlicher Anstieg der Reisen junger oder weniger junger westlicher

Menschen nach Indien oder Nepal sich abzeichnete, der sicher das Herz vieler Deutscher von gestern und vorgestern erwärmt hätte. Nicht nur das von Hermann Hesse, der im

übrigen bei dieser Gelegenheit wieder zu einem höchst aktuellen Autor wurde, sondern auch die Herzen älterer Verfechter einer Mystik des 18. und 19. Jahrhunderts, die für eine 'Frömmigkeit' kämpften, welche 'innerlich' den Deutschen entspräche, wobei der Deutsche häufig als Prototyp

des Europäers schlechthin galt. Hier beziehen wir uns nicht

auf den Orientalismus Schopenhauers, der in der religiös-philosophischen Kultur Indiens einen Spiegel seiner eigenen Reflexionen fand und an dessen Philosophie Th. Mann

hauptsächlich gedacht hatte. 'Wir beziehen uns vor allem auf

den christlichen Orientalismus, der einen großen Teil des

deutschen Pietismus im 18. Jahrhundert bestimmte und der

in die heterogene Zusammensetzung des mystischen Apparates der Heiligen Allianz einging. " In diesen Bereichen bedeutete Orientalismus die Anerkennung einer orientalisch-asiatischen Matrix des Christentums, die Faszination des - Nahen - Ostens als eines Ortes mystischer Offenbarungen und

Weisheiten, an den man zurückkehren mußte, um den Ursprung christlicher 'Geheimnisse' zu entdecken. Eine Faszination schließlich, die sowohl von dem östlichen griechisch-orthodoxen Christentum als auch sogar von dem Judentum ausging, durch die beide geistigen Traditionen als dem ursprünglichen  Licht noch näher stehend gesehen wurden.

Man beachte aber, daß  Jung-Stilling, vielleicht der radikalste

Apologet der Notwendigkeit einer pietistisch geprägten

Rückkehr in den Orient, einer erneuten Präsenz der Juden

im gelobten Land und einer Wiedererrichtung des Tempels

zu Jerusalem -, daß  eben Jung-Stilling die Juden als "ganz

sittenlos und verdorben"'  beurteilte.

'Wie zahlreiche Okkultisten und Theosophen seiner Zeit,

des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der Ära Napoleons,

glaubte Jung-Stilling über Informationen und Lehren einer

phantasmagorischen jüdischen Geheimzentrale zu verfügen,

die das genaue Gegenstück im Positiven zu der von den Protokollen der Weisen von Zion „enthüllten“  sogenannten  jüdischen Verschwörung ist. Diese Zentrale sandte angeblich ihre Emissäre in ganz Europa aus, um die Auserwählten zu erleuchten und, ganz allgemein, um die Fäden der Geschichte

zu knüpfen. Leon Poliakov zitiert in seiner Geschichte des Antisemitismus einen Brief von Jung-Stilling, der unter unserem Gesichtspunkt besonders bedeutungsvoll ist.1)

 

 

Eine unmittelbar bevorstehende konkrete Bedrohung aber konnte die geheime  ‚Verschwörung' der Juden darstellen: die Juden, obwohl  "ganz sittenlos und verdorben" und aller positiiven menschlichen  QuaIitäten bar – blutsaugende und korrumpierende Untermenschen -, waren doch Träger von okkulten Fähigkeiten und Kräften, die negativ und lebensgefährlich walten könnten.

Wollen wir einmal annehmen, das sei richtig - wagen wir doch nicht über diese Hypothese hinauszugehen, angesichts

der Schwierigkeit heute Zeugnisse der nationalsozialistischen Esoterik ausfindig zu machen, vorausgesetzt sie existieren noch, wie teilweise angenommen wird. Annahmen  dieser  Art wurden vor allem von denen formuliert, die sich mit der Verfolgung jener Nationalsozialisten befassen, denen es

gelang beim Fall des Dritten Reichs unterzutauchen. Man

weiß, daß die Dokumente des Ahnenerbes , des Instituts für

das Studium und die Erhaltung des germanischen Erbes, hätten vernichtet werden sollen, ihre vollständige Beseitigung aber nicht gelang. Prof. August Hirt, der Leiter des  Instituts für

Anatomie der Universität von Sraßburg und der Koordinator der medizinischen Experimente des Ahnenerbes an Lagerhäftlingen, isrt verschwunden. Weitere Hinweise könnte

man im Material des Archivs von F. Hielscher finden, das zur

Zeit nicht zugänglich ist, außer möglicherweise für  Gleichgesinnte. Hielscher ist der Gründer des Ahnenerbes, er selber trat bei den Nürnberger Prozessen nur als Zeuge, nicht als

Angeklagter auf.

Falls unsere Hypothese richtig ist, sind die zitierten.Worte

aus Hitlers politischem Testament, diese noch im letzten Augenblick vorgebrachten Anklagen gegen die Juden, die den Krieg verschuldet hätten, als eine späte Variante der sogenannten  'Blutsbeschuldigung', der alten Überzeugung, die Juden praktizierten Menschenopfer, zu  verstehen: der II. Weltkrieg

wäre dann das letzte und qualitativ höchste Menschenopfer,

das die Juden heimlich organisiert haben. Die Ausrottung der

Juden wäre in dieser Perspektive eine defensive Replik und das

Ritual der Macht von magisch nicht befähigten Menschen, die

versucht haben zu lernen, wie man Vampire tötet, und zwar

notwendigerweise auf rituellem Weg: mit Äquivalenten des

Eschenpfahls, der für das Herz des Vampirs bestimmt ist, u.ä.;

denn wer mit geheimen Kräften verkehrt, kann nur mit esoterischen Techniken vernichtet werden. Dieser Versuch, sich defensive Techniken anzueignen, müßte dann mit dem spezifischen und nachgewiesenen "heimlichen Orientalismus Deutschlands" im Dritten Reich in Zusammenhang gesehen

werden: es handelt sich um die Suche nach einem Orient, der östlicher als derjenige der Juden liegt. Es geht um die nationalsozialistische Besessenheit, mit dem angeblichen geheimen

Herzen des Fernen Ostens, dem Tibet, einen 'Wissensaustausch und eine Allianz herzustellen und möglicherweise ein Gegengift gegen die 'östliche' Bedrohung durch die jüdische

Esoterik zu finden.2)

 

 

Da den antisemitischen Zeitgenossen das östliche ‚Gegengift‘ gegen die Juden mit Indien abhanden gekommen ist, weil dieses (von den indischen Muslimen mal abgesehen) zu philosemitisch ist und Tibet nicht attraktiv genug ist, weil zu schwach, und Chinas  starke Hand es am Wickel hat, bleibt nur die islamische Welt und die Muslime selbst, die ihren judenhassenden Vernichtungswillen tagtäglich äußern und auch praktizieren. Mit Ihrem gewaltigen Bevölkerungswachstum und mit den Milliarden von muslimischen Erdöl-Dynastien sind diese ein erfolgversprechender  Bündnisgenosse, mit dem das angestrebte Ziel, das die deutschen Nationalsozialisten nicht endgültig erreichten, die restlose Vernichtung aller Juden, doch noch zu schaffen ist. Der Hass auf die Juden ist dabei grösser als der Wunsch das eigene Leben und das was an Kunst, an historischer Bausubstanz, eben all das was an die eigenen zivilisatorischen Wurzeln erinnert, zu erhalten. Der Antisemitismus der  Islamophilen, der sich zum Beispiel in der aktuellen Flüchtlingsdebatte offenbart, hat nicht von ungefähr Züge des von der NS-Propaganda ausgerufenen „Kampfes  bis zum letzten Blutstropfen“ der letzten Kriegstage und der sich abzeichnenden Niederlage von Nazi-Deutschland. Und mit den Juden muss in den Augen dieser Zivilisationsfeinde alles zerstört werden, was mit dem Judentum verwandt ist: die westliche Zivilisation und damit auch das Individuum selbst, der technische Fortschritt, die Kunstwerke, die Meinungsfreiheit und die Ironie.

In den Augen dieser, meist sich selbst als „Anti-Rassisten“ deklarierenden, Antisemiten, muss der Muslim, aktuell der muslimische „Flüchtling“ als eine Art van Helsing erscheinen, der den Eschenpfahl in das Herz des Juden rammt.

 

1)

Jesi, Furio:

Kultur von rechts  / Aus d. Ital. Von

Cettina  Rapisarda und Margherita Gigliotti. –

Basel; Frankfurt am Main: Stroemfeld / Roter Stern, 1984

S. 66 – 67

 

2)

ebda.

 

S. 70 - 71